Eine Fallschirmpackerin und wie sie die Welt sah
Anflugwochenende 10. / 11. März 2007

Lemmy kündigte schon in der Vorwoche an: Ich will fliegen. Aus meiner Perspektive war klar: Brigitte, erst musst du noch Fallschirme packen. Einer liegt fertig gepackt im Schrank, aber vier andere dösen noch in Schonhaltung in ihren Schlafsäcken herum – nachgeprüft zwar, aber nicht gepackt.

Samstag morgen tue ich mein Äußerstes, verziehe mich ins fensterlose Dachgeschoss des LSC Marl und lege los. Wieder bin ich froh, dass wir überwiegend einen Schirmtyp haben, da muss nicht jeder Handgriff in der Packanleitung überprüft werden, es läuft recht gut. Der neue blaue Mertens-Schirm ist flott, aber - versteht sich von selbst – sorgfältig gepackt.

In der Unterkunft ist von Fliegerei nicht viel zu spüren. Vereinsorganisation hat Vorrang. Die Jahreshauptversammlung wurde auf 14 Uhr gelegt. Und während ich den bürokratischen Anteil am Packerdasein erledige, versucht Kathrin meinen Frühstück- Feten- Schreib-Tisch zu reinigen. Uralte Jahresnachprüfscheine von zu Partydekoration degradierten Schirmen werden mit Genehmigung des Vereinsvorsitzenden verfeuert.

In der Jahreshauptversammlung legt unser Diethard Klatte aus persönlichen Gründen seine Tätigkeit als Geschäftsführer nieder, was von allen bedauert wird. Conrad Habig tritt in seine Fußstapfen. Heutzutage ist es nicht mehr selbstverständlich, dass jemand ein Ehrenamt übernimmt, das deutlich mit Arbeit zu tun hat. Alle übrigen Vorstandmitglieder führen ihre Arbeit (klaglos) fort und werden in ihrer Arbeit bestärkt und bestätigt.
Für die Idee, die Fusion mit unserem Nachbarverein einzugehen, erhält der Vorstand in einem Stimmungsbild das klare Votum, dieses Ziel weiter zu verfolgen. Die Diskussion zeigt deutlich, dass sich viele Vereinsmitglieder in dieses Thema vertieft haben und Frucht bringende Fragen und Anregungen einbringen. Das beweist wieder, mit wie viel Herz und Verstand unsere Mitglieder die Zukunft der AGS mitgestalten.

Nach so viel konzentrierter Denkleistung muss erst mal anständig gegessen werden. Und getrunken... Dass der Gesprächsstoff bei weitem nicht erschöpft ist, kann man daraus ersehen, dass für einige Stunden jede Berieselung durch unseren CD-Spieler überflüssig erscheint. Keinem fällt es auf, aber die Musikanlage wird erst lange nach dem Abendessen gestartet. Und dass, obwohl nun wirklich Party angesagt ist, schließlich feiert Steffi ihren Unabhängigkeitstag, den 18. Geburtstag.
Junge und Alte auf einer Party – und es funktioniert: Alle haben ihren Spaß. Manche bis halb fünf Uhr morgens.

Die sieht man dann erst mal nicht, als am Sonntag morgen die Sonne an einem strahlend blauen Himmel aufgeht. So schnell wärmt die Sonne, dass draußen auf der Terrasse für die Hartgesottenen das Frühstück aufgetischt wird.
Pünktlich halb zehn tauchen die Bochumer Flieger zum ersten Briefing des Jahres auf. Und wie sich’s gehört, verliest der Dienst habende Fluglehrer Christian den Wetterbericht: mäßige Thermik. Für den ersten Flugtag gar nicht so verkehrt.

Für mich ist klar: Keine Ausreden, hau rein! Jan ist so nett und bringt mir die Schirme zum Marler Verein und auf geht’s wieder. Im Packraum angekommen, schnappe ich mir eine der Fallschirm-Taschen: ein Automat. Der ist wichtig, für die Schüler in der ASK21. Schirm sorgfältig auslegen, ordnen. Wie schön, dass ich jetzt den Pack-Knebel habe, die Fingergelenke werden geschont, als ich den Schirm verschließe. Die Aufziehleine muss noch eingeschlauft werden. Der Bürokratie wird genüge getan: Packheft und Tätigkeitsbuch werden geführt.

Aus dem fensterlosen Packraum in die Sonne. Draußen hat sich das Bild gewandelt. Wirkte eine Stunde früher alles noch verschlafen, stehen jetzt strahlend weiße Segler auf dem Vorfeld. Aktivität macht sich breit. Einige Flugzeuge stehen vor ihren Hängern - mit ein bis zwei Tragflächen. Unser Doppelsitzer parkt auch bereits auf dem Vorfeld, bereit endlich wieder geflogen zu werden. Der frisch gepackte Fallschirm wird gern entgegen genommen, schließlich stecken einige Flughungrige bereits ein weiteres AGS - Flugzeug zusammen.

Zurück im Dachgeschoss nehme ich mir die nächsten Schirme vor. Über mir höre ich im Minutenabstand Motorflugzeuge starten. Wo bin ich hier eigentlich: Frankfurt Airport? Da draußen ist schwer was los. Zwischendurch unverkennbar die EXTRAs der Himmelsturner. Sie trainieren für Flugtage und Wettbewerbe.
Die anderen, ob sie alle zu den Inseln fliegen? Trotz aller Konzentration gehen meine Gedanken spazieren: Stau auf der Himmelsstraße nach Norderney. Sie sind Nr. 53 zur Landung. Weichen aus nach Borkum. Keine Stellplätze mehr auf dem Flugplatz von Norderney. - Guten Flug, euch allen! ...ich wär´ gern mitgeflogen...

Kaum ist der Schirm fertig, kommt schon einer vorbei – kann ich den mitnehmen? – aber klar doch.

Der letzte Schirm: ein Unikum. Konstruktionsjahr 1930. Des abtrennbaren Gurtzeugs wegen wurde der alte Kohnke oder Fußball, wie er wegen seiner Form genannt wird, eine lange Zeit von unseren Fluglehrern bevorzugt. Nun haben sie´s alle im Kreuz und das Gerät wird nicht mehr so sehr geachtet, wie es ihm gebührt. Er war ein Filmstar – aber wer weiß das schon. Heinz Rühmann hat so einen getragen, in „Quax, der Bruchpilot“! Etwas mehr Respekt bitte. Jawohl!
Respekt hin oder her, ich bin froh, als er fertig gepackt ist. Wir sehen uns spätestens in vier Monaten wieder. Und ich denke, du bleibst nicht die ganze Zeit im Fallschirm- Schrank, wo du jetzt wieder von deiner berühmten Vergangenheit träumen darfst.

Draußen haben sich die Geräusche geändert. Neben dem Motorenlärm ist ein leises Sirren zu hören, das nach kurzer Zeit plötzlich abbricht. Na endlich, Segelflugzeuge im Windenstart! - Und draußen sehe ich sie am Himmel. Ja, es gibt Thermik. Genug zum Üben. Nun finden auch Starts im Flugzeugschlepp statt. Die ganze Palette. Es muss Frühling sein.
Es ist unser Anflugtag 2007. Was für ein schönes Hobby! Das finden übrigens auch die zahlreichen Zuschauer, die den Platz bevölkern.

Und was treiben die Nichtflieger. Mir bleibt die Luft weg. Unsere Vereinskinder haben den Steiger entdeckt und fahren damit Aufzug. Auch so kann man die Welt von oben entdecken.
Die Gärtner des Vereins kämpfen sich durchs Gebüsch. Wie üblich arbeitet einer und die anderen gesellen sich auf Campingstühlen dazu und begutachten die Arbeitsergebnisse. In der Unterkunft frühstücken die einen, während andere das Mittagessen zu sich nehmen.
Das ist Freizeit in unserem Verein.

Im Licht der Abendsonne ist Lemmy zu beobachten, das Höhenruder der ASW19 unter den Arm geklemmt – er schickt seinen Fluggefährten schlafen. Ja, er ist heute geflogen. Und die Flugschüler sind noch immer am Start.


Erlebt und verfasst von Brigitte Würz